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1791612000 | UTC

Die Ära der Pseudo-Experten: Warum das arrogante Rumgeflame in der Tech-Welt unerträglich wird

Wenn ich mich dieser Tage durch LinkedIn scrolle und mir die Kommentarspalten anschaue, bin ich ehrlich gesagt erschrocken. Nicht über die Technik, die sich rasant weiterentwickelt, sondern über das Verhalten der Menschen. Die Art und Weise, wie Inkompetenz heute mit maximaler Arroganz und Lautstärke kaschiert wird, macht mich wahnsinnig.

Es scheint aktuell nur noch eine Währung zu geben: Meckern, flamen und andere öffentlich blamieren, um sich selbst in ein vermeintlich besseres Licht zu rücken. Ich verstehe die Welt da draußen einfach nicht mehr.

Der Aufstieg der Drei-Zeiler-Spezialisten

Die Technik schreitet voran, aber ein Großteil der Business-Welt kommt damit offensichtlich überhaupt nicht mehr zurecht. Stattdessen schießen andauernd neue Spezialisten aus dem Boden. Leute, die am Wochenende irgendein KI-Seminar besucht haben, sich für einen dreizeiligen Prompt feiern lassen und plötzlich meinen, sie hätten die Softwareentwicklung neu erfunden. Und diese Leute sind es dann, die zu jedem neuen Tool, zu jeder neuen Idee eine unfassbar krasse, meist völlig unbelegte Meinung haben müssen. Völlig neben der Spur.

Ich bin seit den 90er Jahren in der digitalen Welt unterwegs. Streng genommen sitze ich am Rechner, seit ich sechs bin. Ich habe in meiner Laufbahn unzählige Neuerungen miterlebt: Die Einführung der Smartphones und des Mobile Web, die riesige Welle um Node.js, die eine völlig neue Ära der Webentwicklung losgetreten hat, bis hin zu den ersten Homepage-Baukästen, die es plötzlich jedem ermöglichten, Webseiten zu bauen.

Bei jeder dieser Wellen gab es einen Aufschrei. Aber für mich galt und gilt immer ein ganz klarer Spruch. Man geht mit der Zeit, oder man geht mit der Zeit.

Das bedeutet aber nicht, dass man alles verteufeln muss, was man nicht sofort versteht oder was nicht exakt in das eigene, kleine Weltbild passt.

Trash as a Service und andere Buzzwords der Ahnungslosen

Was mich in den aktuellen Diskussionen am meisten betrübt, ist dieses dumme, arrogante Halbwissen. Da baut ein Entwickler in monatelanger Arbeit eine native Mac-App, um verschiedene Coding-KIs in einem Fenster zu vereinen. Eine großartige Idee aus der Praxis heraus. Und was passiert in den Kommentaren?

Anstatt Respekt für die Arbeit zu zeigen, kommen die Leute aus ihren Löchern und flamen herum. Da heißt es dann rotzfrech, entweder plattformübergreifend oder du bist raus. Oder das Ganze wird pauschal als Slop deklariert. Da wird einem schlecht. Hat die Industrie eigentlich komplett vergessen, wie Software funktioniert? Instagram gab es anderthalb Jahre nur für das iPhone. Firmen wie OpenAI bringen ihre nativen Apps oft zuerst exklusiv für macOS, weil es eben performanter, stabiler und sparsamer ist, als die nächste halbgar zusammengezimmerte Electron-Hülle auf den Markt zu werfen. Wer für eine klare Zielgruppe baut, fängt dort an, wo sie sitzt. Aber anstatt das zu begreifen, wird einfach gepöbelt.

Und wenn es um den Einsatz von Coding-Agenten geht, wird es noch absurder. Da schwadronieren vermeintliche Senior-Consultants in den Kommentaren von Trash as a Service, nur weil jemand parallele KI-Agenten orchestriert.

Die wahre Kunst der heutigen Entwicklung

Wer heute noch glaubt, dass das händische Tippen von Code-Zeilen der Skill ist, der den Unterschied macht, hat den Schuss nicht gehört. Ich nutze Diktier-Software, ich orchestriere KIs, ich baue Workflows und Automatisierungen. Und ja, ich habe dadurch einen viel höheren Output.

Der Unterschied zwischen einem guten Entwickler und einem Pseudo-Experten ist heute nicht mehr die Tippgeschwindigkeit. Es ist die Fähigkeit, Probleme zu zerlegen, den Rahmen zu setzen, eine saubere Spec zu schreiben und einen vernünftigen Harness zu bauen, der die Qualität trägt, völlig unabhängig von der eigenen Tagesform. Garbage in, Garbage out. Wer die Architektur nicht versteht, wird auch mit fünf KIs nur Müll produzieren. Aber wer sein Handwerk beherrscht, für den sind diese Tools ein massiver Hebel.

Leben und bauen lassen

Selbst wenn es bereits 100 gleiche Softwarelösungen für eine Sache gibt. Das heißt doch nicht, dass nicht jemand eine neue Lösung bauen darf, weil er vielleicht eine minimale, aber entscheidende Verbesserung im Kopf hat. Aus einer Software, die man für sich selbst geschrieben hat, ein Produkt für andere zu machen, ist die beste Ausgangssituation überhaupt.

Wir brauchen in der IT-Welt wieder mehr Macher und weniger Schwätzer. Mehr Leute, die Dinge ausprobieren, anstatt in Kommentarspalten von oben herab die Arbeit anderer schlechtzureden. Dieses ständige Bedürfnis, andere abzuwerten, nur um den eigenen Expertenstatus zu simulieren, kotzt mich richtig an.

Vielleicht sollten wir alle mal wieder lernen, neue Werkzeuge ordentlich zu nutzen, und wenn wir nichts Konstruktives beizutragen haben, einfach mal die Klappe zu halten.